2 connect Business

Deutsches und niederländisches Gesundheitswesen im Vergleich: Ein himmelweiter Unterschied
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Grenzüberschreitende Pflege ist eine große Herausforderung und erfordert viel Wissen und Durchsetzungsvermögen. So das Fazit einer Veranstaltung in der deutsch-niederländischen Wohn-Sorge-Zone in Dinxperlo/Suderwick. Auf Einladung des INTERREG IV A-Projekts „2 connect Business“ waren rund 25 Experten aus dem Gesundheitswesen im Pflegeheim Bültenhaus in Suderwick zu Gast. Der Seniorenkomplex ist mit einer Brücke mit dem niederländischen Altenheim an der gegenüberliegenden Seite der Straße in Dinxperlo verbunden. Die Organisation der Veranstaltung lag bei der Deutsch-Niederländische Handelskammer (DNHK).

Bereits während der Präsentation über die Entstehung des grenzüberschreitenden Bültenhaus-Komplexes wurde es deutlich: das niederländische und deutsche Gesundheitswesen liegen, was Gesetzgebung, Ausbildung, Pflegeversicherung, Sicherheitsbestimmungen, Finanzierung und Kontrolle betrifft, meilenweit auseinander. Das ist beim Seniorenkomplex Bültenhaus in Suderwick nicht der Fall, nur ein einziger Schritt trennt ihn vom Wohn-Sorge-Zentrum Dr. Jenny auf der anderen Straßenseite im niederländischen Dinxperlo. Anfang 2009 wurde hier das einzigartige grenzüberschreitende Europaprojekt Dinxperlo-Suderwick umgesetzt, in dessen Rahmen die beiden Pflegezentren mit einer Brücke verbunden wurden. Damit das Projekt zustande kam, musste einiges an Energie investiert werden. Davon konnten sich die 25 Teilnehmer während ihres Besuches im Bültenhaus überzeugen.

Keine leichte Aufgabe
Das grenzüberschreitende Projekt ist eine Initiative des Evangelischen Johanneswerks, einem diakonischen Gesundheitsdienst aus Bielefeld. Über fünf Jahre wurde daran gearbeitet, der deutsch-niederländischen Kooperation Gestalt zu geben. In das Projekt waren viele verschiedene Parteien und Förderer involviert, darunter die Euregio, die Gemeinde Aalten, die Provinz Gelderland, der Kreis Borken und die Stadt Bocholt.
Anja Zimmermann vom Evangelischen Johanneswerk erklärte, dass das heute sichtbare Resultat nicht ohne Mühe zustande kam. So mussten unterschiedlichste Faktoren berücksichtigt werden: unterschiedliche Gesetzgebung in beiden Ländern, anderer Personalbedarf, verschiedene Ausbildungs- und Pflegesysteme und abweichende Sicherheitsbestimmungen. Hinzu kamen die Sprachbarriere und Mentalitätsunterschiede. Beispielsweise galten beim Bau der Brücke sowohl deutsche als auch niederländische Bauvorschriften – ein komplizierter Prozess.

Das Erreichte kann sich jedoch sehen lassen: Das Bültenhaus umfasst neben zwölf selbstständigen Seniorenwohnungen und einer Wohngruppe mit neun Zimmern unter anderem eine gemeinsamen Aufenthaltsbereich auf der Brücke sowie ein Informationszentrum, in dem die Erfahrungen des Projekts gebündelt sind. Abgerundet wird das Angebot durch ein von ehrenamtlichen Helfern geleitetes Europacafé und eine Bibliothek.

Mehr Krankenhäuser in Deutschland
Nach dem Rundgang durch das Bültenhaus ging Lea Koelemeijer von Crefact, einem Beratungsbüro für niederländische Pflegeeinrichtungen, auf die Unterschiede in den Abrechnungssystemen zwischen dem deutschen und niederländischen Gesundheitssystem ein. Sie zeigte, welche deutschen und niederländischen Institutionen die Unternehmer bei ihrem Schritt ins Nachbarland berücksichtigen müssen. Ihre Präsentation löste im Saal große Diskussionen aus. Ein niederländischer Teilnehmer merkte an, dass sich das niederländische Gesundheitssystem nur um Geld drehe und dass Pflegeversicherungen nur darauf aus seien, Geld zu verdienen. Dem pflichteten die anderen Teilnehmer bei.

Die anwesenden deutschen Teilnehmer waren über die strengen Gesetze in den Niederlanden erstaunt. Die niederländischen Besucher waren sich darüber einig, dass die Einsparungen im niederländischen Gesundheitswesen ihren Tribut fordern. So stellte ein Teilnehmer fest, dass in Nordrhein-Westfalen, mit 17 Millionen Einwohnern von der Einwohnerzahl her vergleichbar mit den gesamten Niederlanden, etwa 400 Krankenhäuser stehen. Im Nachbarland sind es nur 90 – zudem würden es immer weniger. Als Problem wurde der steigende Spezialisierungsgrad der Kliniken erkannt. Ihre speziellen Angebote richteten sich immer weniger an Patienten mit „regulärem“ Pflegebedarf. Parallel dazu existieren in den Niederlanden nur fünf große Versicherungsgesellschaften, während die Anzahl deutscher Krankenkassen viel größer ist. Doch sicher ist in Deutschland in der Pflege auch nicht alles Gold, was glänzt. Senioren in Deutschland haben oft weniger Rechte auf eine umfassende Pflege, als in den Niederlanden. Außerdem ist die Pflege in Deutschland teurer. Es wird erwartet, dass wenn die Senioren ihre Pflege selber nicht bezahlen können, deren Kinder einspringen.

Niederländer können von den Deutschen lernen
Bernd Hülsdünker von der AOK Rheinland/Hamburg beschäftigt sich unter anderem mit dem demographischen Wandel, insbesondere in der Pflege. In diesem Zusammenhang finden häufiger Treffen mit Niederländern statt: „In den Niederlanden sowie in Deutschland stehen wir in der Pflege aufgrund des demographischen Wandels vor denselben Herausforderungen. Ein Erfahrungsaustausch zwischen beiden Länder hilft dabei, voneinander zu lernen.“

Jos Polman von Novymed International B.V. aus ´s-Hertogenbosch schätze nach der Versammlung seine Möglichkeiten auf dem deutschen Markt ein. Sein Unternehmen hat ein Produkt entwickelt, dass Rollator und Infusionsstange in einem ist. Polman möchte dieses Produkt auf den deutschen Markt bringen: „Heute sind einige interessante Menschen anwesend, an die ich sicherlich in Zukunft herantreten werde, um eventuell mit ihnen Geschäfte zu machen.“ In jedem Fall konnten die Anwesenden viele Eindrücke einer erfolgreichen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gewinnen. Trotz der vielen Herausforderungen bei der Umsetzung des Europaprojektes Dinxperlo-Suderwick ist eine Einrichtung entstanden, in der sowohl deutsche als auch niederländische Senioren in einem verbundenen Komplex bestens versorgt werden.

Autor: Julian Binn, mediamixx

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